Etwas mehr Hirn, bitte

Kann ein Professor, zumal ein Neurobiologe, ein Buch schreiben, das sich so spannend und kurzweilig lesen lässt wie ein Krimi. Er kann, zumindest, wenn er Gerald Hüther heißt. Sein neues Buch kann mit jedem Krimi mithalten. Er befasst sich zwar mit einem wissenschaftlich hoch komplexen Thema, nämlich mit dem Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung, mit den Auswirkungen von Angst und Stress und der Bedeutung emotionaler Reaktionen, aber auf einer Ebene, die jeder versteht. Dahinter steckt sein Wunsch, jedem Menschen die Entfaltung seiner Potenziale zu ermöglichen.

Dünger für’s Gehirn

Jedes Kind verfügt nach Hüthers Erkenntnissen über einen riesigen Überschuss an Potenzial. Und auch wenn wir durch Schule und andere Erfahrungen zu „Kümmer-Versionen unserer selbst“ würden, sei nichts verloren, denn dieses Potenzial könne jederzeit wieder aktiviert werden. Unsere falsche Vorstellung des Gehirns verhindere, dass wir diese Potenziale nutzten. „Das Hirn ist kein Muskel, den man trainieren kann“, sagt Hüther. „Aber es misst ständig, ob etwas bedeutungsvoll ist. Bedeutungsvoll ist, was unter die Haut geht, was mit Emotion verbunden ist, zum Beispiel wenn man etwas Neues entdeckt oder eine Aufgabe löst. Neue Dinge versetzen uns in Unruhe und wir strengen uns an, um sie zu begreifen. Wenn wir diesen Erfolg haben, erzeugt das Botenstoffe, die Glücksgefühle hervorbringen und Lust auf mehr machen. Diese neuroplastischen Botenstoffe wirken als Dünger für neue Verschaltungen in unserem Gehirn.“

Kleinkinder haben laut Hüther pro Tag 50 bis 100 solche Glücksmomente, wenn sie im Spiel Neues lernen. „Stellen Sie sich vor, was wäre, wenn das so weiterginge“, sagt der Professor. Aber leider würde uns schon in der Schule die Lust am Entdecken abhandenkommen. Glücksmomente würden seltener. Die „Lernlust“ fehle. Daran schuld sind nach Erkenntnissen von Hüther negative Beziehungserfahrungen. Die beginnen schon dann, wenn die Eltern nicht mehr über alles, was das Kind tut, begeistert sind und anfangen, es zu erziehen, wenn es als Objekt betrachtet wird und nicht mehr als Subjekt, das „in Ordnung ist“. Die Beziehungen zu anderen Menschen spielen also eine entscheidende Rolle.

Plädoyer für eine neue Gemeinschaft

Als Konsequenz aus seinen Erkenntnissen fordert Hüther nicht weniger als eine neue Form der Gemeinschaft und des Zusammenlebens, die jedem erlaubt, seine Potenziale voll zu entfalten. Doch bevor das gelingen kann, müssen wir unser Gehirn davon überzeugen, denn in ihm „verdichten sich all die vielen Wahrnehmungen und Erfahrungen, die wir machen, allmählich zu bestimmten Vorstellungen davon, wie all das, was wir erleben, zusammenhängt“. Es bilden sich eingefahrene Denkmuster, von denen wir uns nicht mehr ohne weiteres lösen können, vor allem deshalb nicht, weil sie sich laut Hüther in „vergiftende Vorstellungen“ verwandeln wie: Ich bin zu dumm, ich störe, auf meine Ideen kommt es nicht an.

In seinem Buch skizziert Hüther den Weg, der uns zu dem gemacht hat, was wir sind und versucht, den Leser dazu zu ermutigen, sich für einen anderen Weg zu entscheiden. Die gute Nachricht ist: Unser Gehirn kann sich zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens neu konstruieren. Dafür brauchen wir „nur“ von den alten Mustern abweichen, anders zu fühlen oder zu handeln als bisher. Je häufiger wir das tun, desto besser wird sich das neue Muster etablieren und je weniger wir die alten Pfade nützen, desto schneller verschwinden sie. Allerdings ist das nicht einfach und vor allem nicht alleine zu erreichen. Damit wir wieder Freude am Entdecken und Lernen haben, brauchen wir andere, die den Weg gemeinsam mit uns gehen, die uns als Subjekt, als Person, die in Ordnung ist, betrachten und nicht als ein Objekt, das es zu erziehen, zu verändern, zu belehren, zu beschränken, abzulehnen oder gar zu bekämpfen gilt.

Revolution oder Träumerei?

So mancher mag die Vision einer solchen Gemeinschaft als Träumerei betrachten. Dazu ist Hüther aber zu sehr Wissenschaftler. Er weiß, dass unser Gehirn sich verändern kann und damit auch wir. Im Grunde genommen fordert er eine Revolution. Wie viele ihn dabei begleiten, sei dahin gestellt, doch bestechend ist seine Vision allemal: Unser Leben wäre schöner, friedlicher. Unsere Kinder hätten weitaus weniger Probleme in der Schule und beim Heranwachsen. Die Unternehmen hätten endlich die Mitarbeiter, die sie sich immer wünschen – Mitarbeiter mit Engagement und Kreativität, die im Team innovative Lösungen entwickeln, Break-through-Innovationen, die nur entstehen können, wenn sich der Mitarbeiter identifiziert, die Sache des Unternehmens zu seiner eigenen macht, sich in der Gemeinschaft wohlfühlt und mit anderen zusammen Neues entdeckt.

Ein Buch, das sich zu lesen lohnt. Der Leser erfährt viel über sein Gehirn, bekommt massenweise Stoff zum Nachdenken und erhält die Sicherheit, dass sein Gehirn Veränderung zulässt. Wir sind nicht limitiert, wir müssen nicht bleiben, wie wir sind.

Gerald Hüther: Etwas mehr Hirn, bitte,
V&R-Verlag, ISBN 978-3-525-40464-5, € 19,99

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